Berliner Mauerweg: 166 Kilometer in 5 Tagen

Juli 2001 – die erste Wanderung

„Marsch auf dem ehemaligen Todesstreifen. 166 Kilometer in 5 Tagen. Es gibt kein Vergessen.“ Mit dem Entrollen eines Transparents mit dieser Aufschrift endete die Wanderung auf dem einstigen Mauerstreifen am Abend des 27. Juli 2001 auf dem Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor. Ein Team von tv Berlin, das bereits auf der Strecke ein Interview durchgeführt hatte, empfing Marco Bertram und Karsten Höft und stellte ihnen ein paar Fragen.

Vier Tage zuvor. Am Morgen des 23. Juli 2001 starteten Karsten und Marco den Marsch, der im Uhrzeigersinn um den Westteil Berlins verlief. Mit Rucksack, Zelt und Fotoausrüstung. Mit dem Ziel, den ehemaligen 166 Kilometer langen Mauerstreifen in fünf Tagen abzulaufen. Einerseits wollten sie den über 150 Menschen gedenken, die beim Fluchtversuch an der Berliner Mauer ihr Leben ließen, auf der anderen Seite nutzten sie diesen Marsch, um die Spuren der deutschen / Berliner Teilung zu dokumentieren.

Die ersten Kilometer wurden schnell zurückgelegt. Potsdamer Platz und Niederkirchnerstraße waren die ersten Stationen. Gegenüber vom Abgeordnetenhaus von Berlin verläuft das längste erhaltene Stück Berliner Mauer (neben der East Side Gallery). Wie bei einem halb verwesten Kadaver zeigten sich die Knochen in Form des Metallgeflechts. Ein provisorischer Absperrzaun schützte im Sommer 2001 dieses Mauerstück vor weiteren Angriffen sammelwütiger Touristen. Die Spuren des Mauerstreifens waren in Berlin noch vielerorts zu sehen. Hatte man erst einmal das Auge sensibilisiert, entdeckte man auf Anhieb die Brachflächen, Baulücken und verkrauteten Grünflächen, auf denen bis vor 12 Jahren Mauer, Beobachtungstürme und Grenzsperranlagen standen. Aus der Geschichte bekannte Straßen, Gedenksteine für die Mauertoten und zugewucherte Freiflächen ließen die Gedanken an die Zeit der Teilung zurückkehren.

Weiter ging es vorbei am Springer-Hochhaus und am Künstlerhaus Bethanien in Richtung Spree und East Side Gallery. Auf der Oberbaumbrücke wechselten Karsten und Marco wieder die Seite und wanderten in Kreuzberg zum in Treptow befindlichen Grenzwachturm, der zu jenem Zeitpunkt eine Ausstellung der „Verbotenen Kunst“ beherbergte, und zur Lohrmühlenstraße, wo sich Künstler bereits vor Jahren niederließen und eine alternative Dorfgemeinschaft gründeten.
Ein Stück weiter am Ufer des Landwehrkanals gediehen junge Kirschbäume, die japanische Bürger „aus Freude über die Vereinigung des deutschen Volkes“ den Bewohnern von Treptow geschenkt hatten.

Auf dem Lohmühlenplatz traf man wieder auf den doppelt gelegten Streifen aus Kopfsteinen, in dem an wichtigen Stellen ein Metallschild mit der Inschrift „Berliner Mauer 1961 bis 1989“ eingelassen wurde. Dieser gepflasterte Streifen markiert den Verlauf der Mauer und verliert sich erst am Teltowkanal. Häufig biegt der Streifen auf dem Bürgersteig ab, verschwindet hinter einer Hauswand und kehrt wenige Meter später auf der Straße zurück. Dass um die Mauergrundstücke noch immer gefochten wurde, war an einer handgeschriebenen Aufschrift unter einer Bauankündigung zu bemerken: „Mauerunrecht darf nicht zu Recht werden!“

Auf brandenburgischem Gebiet änderte sich das Bild komplett. Der einstige Mauerstreifen war dort zu gut 90 Prozent erhalten. Die Vegetation hob sich sehr von der Umgebung ab. Zur einen Seite die Siedlungen Berlins mit ihren in Grenznähe errichteten Hochhäusern. Zur anderen Seite die Wiesen und Felder Brandenburgs, und dazwischen der seit 11 Jahren unberührte Streifen mit seinen heranwachsenden Robinien und Kiefern. Dazu ab und an halb demontierte Lichtmasten, die verwaist und nackt ihr Dasein fristeten. 

Nach einem Nachtlager bei Großziethen ging es weiter zum Griebnitzsee. Das Bild des sich schier endlos hinziehenden Asphaltweges, der Robinien, halbhohen Kiefern und weiten Felder änderte sich hinter Klein-Machnow und Zehlendorf, wo die Mauer entlang des Königswegs quer durch den Wald verlief. Beim genauen Hinsehen entdeckte man zwischen den Gräsern alte Betonpfeiler, welche die Grenze markierten. Ein einziges Mal lichtete sich der Wald. Eine Brücke führte über die Autobahn, und der Blick war freigegeben auf den einstigen Kontrollpunkt Dreilinden.

Höhepunkt des dritten Tages war die Glienicker Brücke, die zu Zeiten des Kalten Krieges nur von Diplomaten und Alliierten genutzt werden durfte. Eine Fähre setzte Karsten und Marco über die Havel, und einige Stunden darauf folgte Staaken. Dort wurde der Grenzverlauf nach der Wende fast völlig verwischt. Am Abend erreichten sie den wohl entlegensten Ort Westberlins: Den „Eiskeller“ im Nordwesten. Einsame Gehöfte, Wälder, Wiesen und Sumpfgebiete prägten das Bild. Hinzu kamen nachts die Wildschweine, welche die beiden Wanderer rigoros vertrieben.

Am kommenden Tag wurde der einstige weiß angestrichene Beobachtungsturm in Nieder Neuendorf, in dem sich eine sehenswerte Ausstellung befindet, besichtigt. „Wachsam und kampfentschlossen“. Ausgelegte Hefte für die „politische Schulung der Grenzsoldaten“ ließen einen kalten Schauer über den Rücken laufen.
Über Heiligensee und Frohnau ging es weiter nach Lübars im Norden Berlins. Wie eine Nadelspitze stieß die Straße „Sandkrug“ einst ins Siedlungsgebiet Frohnau. Ein einziger 700 Meter langer Straßenzug DDR-Territorium hinein ins Westberliner Gebiet. Der Verlauf der Berliner Mauer war in der Tat häufig kurios.

Am letzten Tag marschierten Marco Bertram und Karsten Höft über Schönholz, Bornholmer und Bernauer Straße nach Berlin-Mitte. Das Brandenburger Tor näherte sich. 166 Kilometer lagen hinter ihnen, die Wanderung neigte sich dem Ende zu. Auf dem Invalidenfriedhof wurde einem noch einmal bewusst, welch hässliches Antlitz die Berliner Mauer hatte. Quer über den Friedhof verlief der Eiserne Vorhang. Ein Stück bröcklige Betonwand und ein Wachturm inmitten eines modernen Wohnblocks zeugen noch heute davon. Genau hier wurde der erste Flüchtling nach dem Bau der Berliner Mauer am 24. August 1961 erschossen. Genau hier kam der erste Grenzsoldat ums Leben. Eine Kugel aus der Pistole eines Westberliner Polizisten traf ihn am 24. Mai 1962. Der heutige Besucher des Friedhofs stellt sich die Frage, weshalb nur?