Dokumentation: Deutsch-deutsche Grenze Sommer 2003

Nachdem im Juni 2001 der ehemalige Berliner Mauerstreifen mit dem Rucksack auf dem Rücken im Uhrzeigersinn abmarschiert wurde, folgte zwei Jahre später die über 1.000 Kilometer lange Wanderung entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze von Süd nach Nord.

1378 Kilometer zu Fuß

Startpunkt war am 21. Juli 2003 das einstige Dreiländereck der Staaten CSSR, DDR und BRD in der Nähe der oberfränkischen Ortschaft Prex. Endpunkt der Tour war am 2. September 2003 der Priwall bei Lübeck-Travemünde an der Ostseeküste. An Hand von über 4.000 Dias dokumentierten Karsten Höft und Marco Bertram die Grenzmuseen, die Reste der noch sichtbaren Grenzanlagen, den Kolonnenweg und die natürlichen Begebenheiten entlang des Grünen Bandes.

Startschuss! Mit der Bahn ging es ins sächsische Oelsnitz, von wo aus die beiden zu Fuß die 15 Kilometer zum Dreiländereck liefen. Nach einem Pressetermin mit einem Journalisten der Frankenpost ging es am Tag darauf den Kolonnenweg entlang in Richtung Mödlareuth, das am Abend erreicht wurde. Mödlareuth wurde von den Amerikanern einst „little Berlin“ genannt, da ab 1966 eine 3,40 hohe und 700 Meter lange Betonsperrmauer das Dorf teilte. Zuvor trennten bereits Metall- und Holzzäune seit 1949 Mödlareuth in zwei Hälften.
Vorbei an der Haag-Linde, die zur Freude über die Grenzöffnung und die Deutsche Einheit im Jahre 1997 gepflanzt wurde, ging es weiter nach Hirschberg, wo sich zu DDR-Zeiten ein großes Lederkombinat befand. An der Saale entlang wanderten Karsten und Marco nach Blankenstein, wo die beiden ein heftiges Sommergewitter, das Wolkenbrüche und Hagel mit sich brachte, überraschte. 

Über Nordhalben, das auf einer hohen Bergkuppe liegt und über eine Straße mit 15 Prozent Steigung erreichbar ist, ging es am Kolonnenweg entlang nach Brennersgrün, das sich auf thüringischer Seite direkt an der innerdeutschen Grenze befindet. Dort kamen die Grenzwanderer mit dem Besitzer des dortigen Gasthauses „Zum grünen Wald“ ins Gespräch. In Folge dessen unterbreitete er ein gutes Übernachtungsangebot und lud die beiden am kommenden Morgen zu einem üppigen Frühstück ein.

Vorbei an der Ziegelhütte und an alten Grenzsteinen aus dem 17. Jahrhunderts entlang des Rennsteigs ging es über das fränkische Ludwigstadt zur Thüringer Warte, von der man zu Zeiten des Eisernen Vorhangs hervorragend auf die Grenzanlagen blicken konnte. Nun befindet sich im Innern eine Ausstellung zum Thema „Grenze“. Tagesziel war die Ortschaft Kleintettau.
Über Tettau ging es am 25. Juli 2003 zur Gedenkstätte Heinersdorf-Welitsch. Diese beiden Ortschaften wurden einst durch eine Betonsperrmauer getrennt. Tagesziel war Hönebach, das zwischen Sonneberg und Neustadt bei Coburg liegt.

In Schalkau begann die nächste Etappe nach Roßfeld bei Bad Rodach. Auf dem Kolonnenweg liefen die beiden zuerst nach Truckendorf, später stießen sie in Görsdorf auf ein Stück Hinterlandmauer. Vorbei an der Alexandrinenhütte ging es weiter auf dem Carl-Escher-Weg ins fränkische Roßfeld. Am 1. August um 12 Uhr hatten die beiden einen Termin mit der örtlichen Presse und dem ehemaligen Landrat von Hildburghausen, Herrn Dr. Elmar Weidenhaun, an der Gedenkstätte Billmuthausen. Das Dorf Billmuthausen befand sich im Sperrstreifen der Grenze und wurde in den 70er Jahren geschleift. Übrig blieben nur eine Friedhofsmauer und der Trafoturm. Nach der Wende entstanden dort Infotafeln, eine kleine Kapelle und eine Gedenktafel. Die Friedhofsmauer und der Trafoturm wurden aufwendig saniert.
70er-Jahre-Nostalgie kam auf, als abends der Bayernturm bei Zimmerau erreicht wurde. Begrüßt wurden die Wanderer vom Ehepaar Spielmann, Besitzer des dortigen Gasthofs. Vor dem Fall des Eisernen Vorhangs konnten die Besucher vom Turm aus auf die Sperranlagen blicken, inzwischen ging es deutlich ruhiger am Bayernturm zu.

In der Folge wurden Alsleben, Evershausen und Behrungenpassiert. In Berkach wurden Karsten und Marco wieder einmal auf das Schicksal zwangsumgesiedelter Familien aufmerksam. Im Zuge der „Aktion Ungeziefer“ mussten auch dort 1952 über Nacht viele Familien ihr Haus und Hof verlassen. Die zweite Welle der Zwangsumsielungen erfolgte 1961 mit der „Aktion Kornblume“, im Bezirk Karl-Marx-Stadt auch „Aktion Frische Luft“ genannt.

Am folgenden Tag wurden Karsten und Marco mittags bei brütender Hitze in Stedtlingen von Anwohnern zu einem kühlen Bier bei einem dortigen Formel 1-Fanclub eingeladen. Am Abend wurde das nördlichste Gasthaus Bayerns in Weimarschmieden erreicht. Wieder einmal zeigten sich die Anwohner – wie so oft auf der langen Wanderung – von einer äußerst gastfreundlichen Seite.

Über Fladungen, Frankenheim und Hilders ging es am 4. August 2003 rund 40 Kilometer weiter bis zum Lörnhof im Nüsttal am Rockenstuhl. Der einsame Bauernhof lag auf hessischer Seite nur wenige Meter von den Grenzanlagen entfernt. 15 Kilometer weiter nördlich wurden Marco und Karsten am Point Alpha bei Geisa und Rasdorf von den dortigen Mitarbeitern herzlich begrüßt. Diese Gedenkstätte war der Höhepunkt der bisherigen Abschnitte. Auf dem ehemaligen Stützpunkt der US-Armee, der sich an der sogenannten Fuldaer Lücke befand, konnte ein Vielzahl Fotos angefertigt und in in einer ehemaligen Unterkunft übernachtet werden.


Pünktlich um 10:00 Uhr erschienen am nächsten Morgen die Vertreter der Presse. Fernsehen und Rundfunk des Hessischen Rundfunks, Journalisten der Fuldaer Zeitung, des Freien Worts und der Südthüringischen Zeitung. Nach Gesprächen und etlichen Fotos vor den Objekten des Grenzmuseums ging es weiter in Richtung Norden. Über Vacha, wo die alte, aus Naturstein erbaute „Brücke der Einheit“ die Werra überspannt und sich das einst geteilte Haus Hoßfeld befindet, wurde bis zum Zeltplatz in Heringen gewandert. Hinter der Ortschaft erhob sich der Monte Kali, eine monströse Abraumhalde des dortigen Kalisalzbergwerks.


Über Nesselröden und die Ortschaften Untersuhl und Dippach ging es in Richtung Weißenborn am Schiefergrundskopf, wo auf einer Waldlichtung das Nachtlager aufgeschlagen wurde. Vorbei an Eschwege wurde dem Lauf der Werra bis Bad Sooden / Allendorf gefolgt, abgebogen wurde dann zum Grenzmuseum Schifflersgrund. Nahe der Ortschaft Asbach, wo sich an einem Berghang ein Stasi-Tunnel befunden haben soll, wurde auf dem Grundstück eines Gasthauses gezeltet.

Das Grenzmuseum in Teistungen / Eichsfeld wurden am kommenden Tag erreicht. Direkt auf dem ehemaligen Grenzstreifen übernachteten Karsten und Marco direkt neben einem einstigen Beobachtungsbunker. Bei Mondlicht entstanden dort beeindruckende Aufnahmen, und es war in der Nacht noch besser nachzuvollziehen, was ein Dienst an der Grenze bzw. ein Fluchtversuch in der Dunkelheit bedeutet haben muss. 

Bis Ecklingerode wurde dem Verlauf des Kolonnenwegs gefolgt. Eine Pause wurde auf der Terrasse der Pension Sonnenstein eingelegt. Das alte Besitzerehepaar erhielt nach der Wende dieses Grundstück wieder zurück, nachdem die Frau einst 1952 mit ihren Eltern die Koffer packen musste. Das Haus lag im Grenzgebiet und musste bei der „Aktion Ungeziefer“ geräumt werden.

Ein Tag später wurde von einem ehrenamtlichen Mitarbeiter das Grenzlandmuseum Bad Sachsa gezeigt. Nicht ohne Stolz wurde ein funktionstüchtiger Abschnitt des Grenzsignalzauns vorgeführt. Besonders sehenswert waren eine komplett ausgestattete Führungsstelle der DDR-Grenztruppen und ein Heißluftballon, der von einer Familie im August 1989 zu einem Fluchtversuch verwendet wurde.

Es folgte nun im Jahrhundertsommer 2003 die anstrengendste Etappe: 43 Kilometer bis zum Gipfel des Brockens. Erst kurz vor Mitternacht erreichten Karsten und Marco die kahle und windige Kuppe des höchsten Berges Norddeutschlands. Der Anstieg in der Dämmerung und im Dunkeln wurde spannend. Hirsche brachen aus dem Unterholz und preschten durch einen Bach, und im Dickicht grunzten die Wildschweine. Der Pfad war kaum auszumachen, und das erste Mal kam die mitgenommene Taschenlampe ernsthaft zum Einsatz. Die Nacht wurde unter freiem Himmel auf dem Brocken verbracht, um in aller Frühe beim Sonnenaufgang Fotos anfertigen zu können. 

Gegen 6:30 Uhr ging es auf dem Plattenweg in Richtung Ilsenburg den Brocken hinab. Nächstes Etappenziel war die kleine Ortschaft Mattierzoll, die sich auf niedersächsischer Seite befindet. Auch dort existiert ein kleines Freilicht-Grenzmuseum. Dem Kolonnenweg wurde bis Hötensleben gefolgt, wo ein großes Stück Grenzstreifen mit den dazugehörigen Anlagen erhalten blieb. Betonsperrmauer, Lichtsperren, Panzersperren, Metallgitterzäune und Beobachtungstürme. 

Nächster markanter Punkt der Tour wurde die Gedenkstätte Deutsche Teilung in Marienborn, der in der Folgezeit einige weitere Besuche abgestattet wurden. Die Gedenkstätte auf dem ehemaligen Gelände der großen Grenzübergangsstelle wurde am 13. August 1996 eröffnet. Bereits bis Ende 2003 wurde diese Gedenkstätte von über 800 000 Personen aus den verschiedensten Ländern besucht. Eine Dauerausstellung, eine Videovorführung und wechselnde Sonderausstellungen informieren den Besucher sehr beeindruckend über die Arbeit der ehemaligen GÜSt und die Geschichte der deutsch-deutschen Grenze.

Weiter ging es vorbei an Morsleben, und es folgte ein Abschnitt der „Straße der Romanik“. Die hübschen Landschaften mit den Hügeln, Mäuerchen, alten Kirchen und kleinen Dörfern erinnerte an Irland oder Galizien. Hinter Everlingen wurde auf dem einstigen Grenzstreifen nahe eines Waldes das Zelt aufgebaut. In der einsamen, abgelegenen Gegend sagten sich sprichwörtlich nicht nur Fuchs und Hase gute Nacht. Die gesamte Nacht über bellte, grunzte und heulte es rings um das Nachtlager, und ein wildes Tier unternahm gegen ein Uhr in der Nacht wütende, stampfende Scheinangriffe auf unser Zelt.

Hinter Oebisfelde wurde der wundervolle Naturpark Drömling mit seinen Wiesen, Flüssen und Sumpflandschaften durchquert. Dem Grenzverlauf folgten Marco und Karsten bis Jahrstedt. Tagesziel war die von der Grenze fast eingeschlossene, über 800 Jahre alte Ortschaft Brome. Das nächste Ziel war das Dorf Jiggel im Wendland. Sonnenblumenfelder, Milchkannen vor Grundstücken, Weiden, vereinzelte Aufkleber mit der Aufschrift „Republik Freies Wendland“ und viele gelbe Castor-Kreuze prägten das Bild der kommenden Tage. In Prezelle zelteten die beiden Grenzwanderer auf dem Grundstück der evangelischen Gemeinde. Von dort aus ging es weiter über Gorleben und die zerstörte Elbe-Brücke bei Dömitz zur „Dorfrepublik Rüterberg“, wo die beiden mit dem damaligen 83-jährigen Dorfchronisten Rasenberger ins Gespräch kamen. Komplett von den Sperranlagen der Grenze eingeschlossen, riefen die Bewohner des Dorfes auf einer Versammlung im Gemeindehaus am Abend des 8. Novembers 1989 die „Dorfrepublik Rüterberg“ aus. Die Nachricht von der Dorfrepublik ging um die ganze Welt.


Nach einem Abstecher zur alten Stadt Hitzacker wanderten die beiden am 30. August 2003 parallel zur Elbe durch Wälder und vorbei an vielen kleinen Ortschaften zur Fliesenstadt Boizenburg, wo am Rande der Stadt dem Elbergmuseum und dem ehemaligen Checkpoint Harry ein Besuch abgestattet wurde. Über Gudow, wo zwei gute Freunde aus Hamburg den beiden einen Besuch abstatteten und mit Tee, Waffeln, Eis und Schokolade versorgten, wurden weitere 40 Kilometer bis zur Kogelei Mühle am Salemer See gewandert. Die Nächte wurden mittlerweile empfindlich kühl, und es regnete immer häufiger.

Der 1. September 2003 hatte es dann in sich! Knapp 50 Kilometer marschierten Karsten Höft und Marco Bertram in einem Zug bis nach Dassow. Positiv überrascht wurden die beiden vom Grenzhuus in Schlagsdorf, das den Besuchern viele Informationen und eine Freianlage zum Besichtigen bietet. Am Nachmittag weckte ein Trafoturm kurz vor Selmsdorf die Aufmerksamkeit. Mit weißer Aufschrift wurde dort auf den Mauern des Turms das Schicksal der geschleiften Ortschaft Bardowiek verewigt.


Der letzte Abschnitt jener Tagesetappe wurde hart und strapaziös: Einbrechende Dunkelheit, aufkommender peitschender Regen, Blitz und Donner – und es blieb nur die Möglichkeit des Marschierens auf der Bundesstraße 105. Vorbei ging es am aufgewühlten Dassower See. Düstere Wolken – Weltuntergangsstimmung. Aufgeschreckte Wildschweine stoben über das Feld. LKWs spritzten einem das Wasser der Pfützen ins Gesicht. Zudem musste höllisch aufgepasst werden, in der Finsternis nicht von den entgegen kommenden Fahrzeugen erfasst zu werden. Am Ufer des Sees erhob sich ein ehemaliger Beobachtungsturm in den dunklen Abendhimmel. Erschöpft und durchnässt wurde Dassow gegen 21 Uhr erreicht. Dort wurde das Zelt im Rucksack gelassen, stattdessen wurde ein Zimmer in einer Pension genommen.


Zum Abschluss der über 1.000 Kilometer langen Wanderung folgte die kurze Etappe zum Priwall. Sonnenschein und zwei Journalisten der Lübecker Nachrichten empfingen Marco und Karsten gegen 12 Uhr am Strand der Ostsee. Es war vollbracht! Zufrieden, glücklich und zugleich nachdenklich öffneten Marco und Karsten zwei Flaschen Sekt und nahmen ein wohlverdientes Bad in der Ostsee. An die einstige innerdeutsche Grenze erinnerte auf dem Priwall inzwischen nichts mehr. Wo einmal die Grenze verlief, konnte man nur an einem Schild erkennen: „FKK-Strand – Hier Travemünde Ende.“

In den folgenden Monaten ging es punktuell noch einmal an einige markante Punkte des Grünen Bandes, um weitere Aufnahmen für den Diavortrag und die geplante Wanderausstellung anzufertigen. Unter anderen wurden im Winter bei Schnee und Eis Vergleichsaufnahmen in der einst geteilten Ortschaft Mödlareuth angefertigt, am Ufer der Elbe führte das Nordmagazin des NDR im Sommer 2004 mit den beiden ein Interview.