Megamarsch Berliner Mauerstreifen zu Fuß in 24 Stunden

Juni 2019: Marsch des Lebens – 150 Kilometer in zwei Tagen

Wie bereits 15 Jahre zuvor sollte nun eine Tour auf dem Berliner Mauerweg mit dem sportlichen Nutzen verbunden werden. Jedoch ging es dieses Mal nicht mit dem Fahrrad, sondern zu Fuß einmal um das einstige West-Berlin herum. 150 Kilometer in zwei Tagen, so war der Plan – und dieser wurde Ende Juni 2019 von Marco Bertram auch in die Tat umgesetzt.

Mit dem Rucksack auf dem Rücken, in dem sich Zelt, Schlafsack, Wechselklamotten, „Trockenfutter“ und vier Liter Wasser befanden, sollte es zunächst zu Fuß auf dem einstigen Berliner Mauerstreifen im Uhrzeigersinn von Neukölln/Treptow bis Kladow am anderen Ende der Stadt gehen. Das waren mal eben rund 70 Kilometer. Am Tag darauf waren in einem Rutsch die restliche Strecke über Staaken, Hennigsdorf, Frohnau. Lübars und hinein in die Stadt zu packen. Alles zu Fuß, mit dem Rucksack auf den Schultern, ganz allein, mit der Kamera in der Hand.

Der Wecker wurde auf 3:30 Uhr gestellt. Nach einer kleinen Schüssel Haferflocken fand sich Marco auf den Straßen von Berlin-Neukölln wieder. Er hatte das Mahnmal in der Kiefholzstraße als Startpunkt gewählt und lief demzufolge am Hotel Estrel vorbei. Als er am Montagmorgen gegen 4:30 Uhr das bedrückende Mahnmal erreichte, schoss ihm eine Zahl durch den Kopf. Die 18. 18 Jahre her war die mit Karsten unternommene Wanderung auf dem Mauerstreifen. Damals im Juni 2001 gab es noch keinen ausgeschilderten Mauerweg, in der Gegenwart kann man Dank der aufgestellten Schilder und Wegweiser das Smartphone und die Landkarte getrost in der Tasche lassen. 

Tempo! Kladow wartete! Vorbei am ehemaligen Grenzübergang Sonnenallee und dem Chris Gueffroy-Mahnmal ging es zum parallel an der Autobahn 113 verlaufenden Radweg, der bis runter zur Brücke an der Rudower Chaussee führt. Rechte Hand der Teltowkanal, linke Hand die Schallschutzmauer der Stadtautobahn. Was machten eigentlich die Füße? Ein erstes In-sich-Gehen nach den ersten zehn Kilometern. Der Rucksack fühlte sich schwerer an als vermutet. Bedenken wurden fix weggewischt, die Wanderung sollte bei diesem Prachtwetter in vollen Zügen genossen werden. Und notfalls müsste halt mal auf die Zähne gebissen werden. 

Rasch wurde der lange Kanten an der A113 abgearbeitet, weiter ging es vorbei an der Hinterlandmauer an der Rudower Höhe runter in Richtung Schönefeld. Nahe der ehemaligen US-Radarstation zwischen Rudow und Altglienicke wollte ein Hund einer Spaziergängerin ans Bein. Das „Entschuldigung“ der Frau war die erste Kommunikation an jenem Tage.

Gegen halb sieben wurde die Waltersdorfer Chaussee passiert, eine halbe Stunde später erreichte Marco auf dem einstigen betonierten Kolonnenweg die 85 Meter hohe Erhebung Dörferblick. 20 Kilometer waren geschafft. Wie damals im Juni 2001 saßen Raben und Tauben auf den einsam stehenden Laternenmasten. Der Anblick dieses Betonweges hatte sich damals fest eingebrannt.

Positiv überrasche der Mauerweg-Abschnitt südlich von Buckow, Lichtenrade und Lichterfelde. Von früheren Touren hatte man diesen Abschnitt eher kahl und trist in Erinnerung, doch inzwischen sind Sträucher, Kiefern und Birken höher gewachsen und spenden angenehmen Schatten. Phasenweise gibt es am Feldrand parallel zum asphaltierten Mauerweg einen sandigen Trampelpfad. Flott ging es voran, ärgerlich war nur der kleine Umweg, der in Lichtenrade zu gehen ist. An der dortigen Bahnstrecke fehlt noch immer eine Unterführung, und somit geht es dort kurz durch die Siedlung. 

Um 11:37 Uhr sprach Marco auf den Sprachrekorder seines Smartphones. „Teltowkanal. Knapp 50 Kilometer sind geschafft. Es geht weiter voran. Wie erwartet habe ich nun das Tempo rausgenommen. Verständlich, sind es ja nur noch 20 Kilometer. Man muss ja an morgen denken. Vom Wetter geht´s, die Sonne kommt von hinten. Aber man soll nicht lügen, in den Füßen ist schon was zu spüren, was vor allem am Asphalt liegt…“

Nachdem zuerst die Kirschbaumallee passiert wurde, ging es erst südlich und dann nördlich des Teltowkanals nach Schönow, Kleinmachnow und Düppel. Es folgte der Königsweg, der einmal quer durch den Forst bis Kohlhasenbrück führt, sowie die Fahrt mit der Fähre von Wannsee nach Kladow.

Nach der eher schlaflosen Nacht auf dem dortigen Campingplatz wurde am kommenden Morgen das Zelt in Zeitlupentempo abgebaut. Nur keine falsche Bewegung! Am westlichen Ufer des Groß Glienicker Sees musste festgestellt werden, dass es 30 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer neue Grenzen gibt. Wie auch am Griebnitzsee konnten hier Grundstückseigentümer ihren Willen durchsetzen. Freien Zugang zum See nur für die Anwohner, nicht aber für Spaziergänger und Radfahrer! Der Mauerradweg folgt nun notgedrungen der Straße Seepromenade. In der Radführerausgabe von 2007 verlief der Mauerradweg noch direkt am Ufer.

Überrascht wurde Marco an der nördlichen Spitze des Sees. Die stehen gelassenen Reste des Streckmetallzauns und der Betonsperrmauer lassen an dieser Stelle bei den Besuchern garantiert einen bleibenden Eindruck zurück. Insbesondere der fies aussehende Streckmetallzaun, der vor allem den Anblick der deutsch-deutschen Grenze prägte, lässt einen Kälteschauer aufkommen. Während man die Berliner Betonsperrmauer auch mit (wenigen) positiven Aspekten wie die Malereien auf der Westseite verbindet, wirkt der Streckmetallzaun einfach nur kalt, gefährlich und menschenverachtend. 

Ab nun hieß es wirklich Zähne zusammenbeißen. Parallel zur Potsdamer Chaussee ging es auf dem Mauerradweg einige Kilometer durch die Groß Glienicker Heide. An der Karolinenhöhe ging es schließlich links ab zur Grünanlage Hahneberg. Die dortige Landschaft ist wunderschön und erinnert punktuell ein wenig an Irland. Die leichten Senken ließen jedoch die Fußsohlen schmerzen. Schnell wurde klar: Solch lange Strecken sind wirklich nur möglich, wenn es keinerlei Steigungen gibt. Besonders das Bergablaufen würde zu einer einzigen Tortur werden. Ankommen war alles. Fünf km/h mussten nun im Schnitt genügen. Vorbei an Staaken und Falkensee ging es nach Falkenhöh, wo der Mauerweg glücklicherweise wieder durch den Wald führt.

Bei glühender Hitze wurde nun durch das Naturschutzgebiet Rohrpfuhl marschiert. Vorbei am Grenzturm in Nieder-Neuendorf ging es weiter nach Hennigsdorf und Stolpe Süd. Von dort aus arbeitete sich Marco durch den Wald in Richtung Frohnau. Der Plan war, insgesamt rund 150 Kilometer zu packen und nicht 160 oder gar 170. Somit wurde der nördliche Zipfel von Frohnau ausgelassen. Hinter Glienicke/Nordbahn wurde schließlich der Knick nach Süden am Tegeler Fließ bei Lübars passiert. Parallel zur Strecke der Heidekrautbahn ging es erstaunlich flott nach Rosenthal und zum Märkischen Viertel.

Durch die abendlichen Straßen von Berlin ging es weiter zur Bornholmer Straße, Bernauer Straße und zum Brandenburger Tor. Nach dem Erinnerungsfoto auf dem Pariser Platz wurde der Rest der Strecke eine harte Bewährungsprobe. Nachts um zwei Uhr wurde schließlich Berlin-Neukölln erreicht, wo das verdiente Abschlussbier nicht wirklich munden wollte. Erst am kommenden Morgen machten sich Glück und Zufriedenheit breit. Es war geschafft. Nach der Tour ist vor der Tour. Wo geht es als nächstes hin? Ein paar Etappen entlang der einstigen deutsch-deutschen Grenze sind jetzt eigentlich wieder ein Muss! 

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